Donnerstag, Juli 14, 2011

Kleindeutschland



Der Beitrag über Kleindeutschland, im Englischen auch "Little Germany" genannt, startet zwangsläufig mit ein paar "Was wäre wenn". Es fällt natürlich auf, dass es im Gegensatz zu Little Italy oder Little Korea oder China Town kein Viertel mehr in New York gibt, in dem sich Einwanderer deutscher Abstammung besonders offensichtlich ballen, obwohl dort mehr als 350.000 Menschen mit entsprechenden Wurzeln leben. Vor 110 Jahren war das noch anders, damals existierte auf der Lower Eastside ein Stadtviertel, das den Namen Little Germany trug und dessen Bewohner unmittelbar oder mittelbar aus dem Deutschen Reich oder seinen Vorläufern, insbesondere Prussia und Bavaria, stammten. Eine der schlimmsten Tragödien, die sich in der Geschichte von New York ereignet haben, gilt als Initialzündung für das Ende von Little Germany, weil gerade deutsche Einwanderfamilien hiervon besonders betroffen gewesen waren. Die Rede ist natürlich vom Brand der General Slocum, bei der am 15. Juni 1904 über 1.000 Menschen ums Leben kamen.  
http://nygeschichte.blogspot.com/2006/11/zu-besuch-auf-north-brother-island.html
http://nygeschichte.blogspot.com/2009/09/general-slocum-film.html

Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/General_Slocum
http://de.wikipedia.org/wiki/Kleindeutschland_(New_York_City)

Und da kommen wir zum ersten "was wäre wenn". Hätte sich das General Slocum Disaster nicht ereignet, gäbe es dann das deutsche Viertel in New York noch? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Man darf eines nichts vergessen. Nach 1904 ging vom einstigen Deutschen Reich noch zweimal ein Weltkrieg aus, bei dem auch die Amerikaner früher oder später betroffen waren und beide Male auf der gegenüberliegenden Seite der Front kämpften. Ob in diesen Zeiten ein offensichtlich deutsches Viertel die Chance gehabt hätte, wie eine Exklave mitten im Feindland zu überleben, verdient zumindest deutliche Zweifel. Genug gemutmaßt, ich begebe mich jetzt mal ein wenig auf die Spurensuche nach Kleindeutschland in New York.

Als erstes bin ich auf ein Hochzeitbild gestoßen, das vom 20. Mai 1902 stammt und Verwandschaft derjenigen New Yorkerin zeigt, die den großartigen Blog "The Virtual Dime Museum" betreibt:



Der Bräutigam Gilbert David Ward wurde 1878 in Ulster Country, New York geboren. Die Braut, mit Mädchennamen Johanna Augusta Koch, wurde 1881 geboren und ist eines von zahlreichen Kindern zweier deutschstämmiger Einwanderer (Johann August und Ida Koch), die im 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert waren. Johanna Koch, genannt Gussie, ist zum Zeitpunkt der Hochzeit 20 Jahre alt.


Das Foto wurde im Studio Wendel aufgenommen an der Adresse 13 Avenue A, das mitten im damaligen Viertel "Little Germany" lag und das heute den Namen "Alphabet City" trägt. Mal auf die Karten (Google Maps) schauen, wo wir das eigentlich suchen müssen.


Also nur ein kleines Stück oberhalb der Manhattan-Zufahrt zur Williamsburg Bridge. Wenn man etwas näher herangeht, sieht man, dass das Fotostudio gar nicht weit von einem Schauplatz entfernt liegt, den wir kürzlich im Zusammenhang mit der Drehorte von "Leon - der Profi" genauer unter die Lupe genommen haben, nämlich jenem an der Kreuzung Allen Street / Delancey Street.


Ich werde mal einen Blick im Street View riskieren. Das Haus mit der Adresse 13 Avenue A existiert auch in der Gegenwart. Ob es noch dasselbe Haus ist, in dem 1902 das Fotostudio Wendel beherbergt war, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein Fotostudio ist hier offensichtlich auch nicht mehr eingemietet.



Wenn wir schon mal im ehemaligen Little Germany stehen, ist das eine gute Gelegenheit, auch mal einen Blick auf "the neighboorhood" zu werfen. Hier sehen wir die Avenue A von der nächst nördlich gelegenen Kreuzung mit der East 2nd Street aus. Die nächste größere Straße, die die Avenue A im Süden bzw. im Bildhintergrund kreuzt, ist die Houston Street.


Und jetzt den gleichen Schauplatz nochmal vom Süden her, von der Houston Street aus in Richtung Norden.


Bei der Gelegenheit habe ich gerade noch etwas entdeckt, das für den Freund alternativer Rockmusik interessant sein mag, nämlich den Standort der "Mercury Lounge", sicherlich einer der aktuell bedeutendsten Clubs für Rockkonzerte in New York. Obwohl ich es schon die letzten drei Male vorhatte, habe ich es noch nie geschafft, bei meinen Aufenthalten in New York ein Clubkonzert zu sehen. Nur bei meinem ersten Besuch 1992 habe ich ein kostenloses Konzert von "Simply Red" im Central Park mitnehmen können. Hatte auch ziemlich viel Charme, selbst wenn man kein großer Anhänger von Simply Red ist, schon allein wegen der außergewöhnlichen Rahmenbedingungen. Um die Mercury Lounge zu sehen, die in der Nähe an der Südseite der Houston Street liegt, müssen wir uns an unserem letzten Standort nur um geschätzte 120 Grad drehen.



Das sieht fast so aus, als ob sich der Konzertveranstaltungsort in dem kleineren hellbraunen Gebäude an der Straßenecke links daneben befindet.

Wir verlassen diesen Schauplatz und springen rüber zu einem anderen New York Blog namens "Ephemeral New York", der auch schon häufiger als Quelle und Inspiration gedient hat. Dort wurde dieses Foto aus der Sammlung des Museums der Stadt New York aus der Byron Collection veröffentlicht, das die Beschreibung "German Play Ground" trägt und auf das Jahr 1903 datiert wurde.


Der Macher von Ephemeral New York geht davon aus, dass es sich bei dem Park, der dort zu sehen ist, um den Tompkins Square Park handelt, der 1903 mitten in Little Germany lag. Ich hab die Markierung des letzten Schauplatzes nochmal stehen gelassen. Der Tompkins Square Park liegt einige Blocks weiter im Norden.


Man sieht in diesem Viertel noch mehr Grünflächen verstreut, aber mit Blick auf die Größe der Parkfläche, die man da auf dem historischen Foto sieht, bin ich geneigt, der Meinung des Bloggerkollegen zuzustimmen. Ich habe alle vier Kanten des Parks abgeklappert auf der Suche nach übereinstimmenden Gebäudestrukturen, aber von der Substanz, wie sie 1903 dort stand, scheint nicht viel übrig geblieben zu sein. Zumindest gibt es immer noch einen Play Ground im Tompkins Square Park:


In dem Zusammenhang bin ich auf eine enorme Quelle zum Thema Kleindeutschland / Little Germany gestoßen, die noch genauer ausgewertet werden will. Zunächst möchte ich aber nur die Bilder zeigen, die ebenfalls den Tompkins Square Park als Erholungsmeile der deutschen Einwanderer zeigen. Auf Material von maggieblanck.com habe ich hier auch nicht zum ersten Mal zurückgegriffen. Die ersten zwei Bilder sind auf 1873 datiert, das letzte auf 1891 und stammen ursprünglich aus der Sammlung der NYPL Digital Gallery.




Zuerst mache ich aber nochmal einen Schritt weg von Maggie Blanck und springe zu Scouting NY rüber, denn der Locationsucher hat ebenfalls deutsche Spuren in New York dokumentiert und war eigentlich die Inspiration für diesen Beitrag.

Der hat nämlich in dem Beitrag "Remnents of Kleindeutschland" Besonderheiten an der Fassade einer Nebenstelle der New York Public Library beschrieben, die in der Nähe der Kreuzung 2nd Avenue / 9th Street zu finden ist.

Dieses Mal landen wir auf der Karte zwei Blocks weiter westlich von unserem letzten Standort am Tompkins Square Park.


Es geht dabei um dieses dunkelrote Gebäude, das an der Westseite der 2nd Avenue zu finden ist und das optisch zumindest den Eindruck erweckt, als ob es die besseren Zeiten von Little Germany noch selbst miterlebt hat:


Die Detailansicht bei Google Maps offenbart den genauen Standort des roten Hauses:


Hier zwei Ansichten des Gebäudes, die ich mit Hilfe des Google Street Views erzeugt habe:



Und jetzt komme ich zurück auf den Beitrag von Nick Carr, dem Macher von Scouting NY, der dort am Gebäude deutschsprachige Spuren entdeckt hat. "Bibliothek u. Lesehalle" können wir dort an der Fassade lesen.


Und hier die gemischtsprachliche Bezeichnung "Deutsches Dispensary"


Dispensary, den Begriff habe ich - glaube ich - eben bei Maggie Blanck auch schon mal gelesen. Genau und hier bekommen wir auch direkt eine historische Ansicht des Gebäudes und ein paar nützliche Informationen geboten (die man bei Scouting NY allerdings auch findet):


"Located at 137 Second Avenue (near East 8th Street) the German Dispensary was built in 1884. The Dispensary and the library next door were the gifts of Anna and Oswald Otterdorfer the owners of the German/American newspaper, Staats-Zeitung. The dispensary was originally founded in 1857."

Mit der nachfolgenden Luftaufnahme, die ich ebenfalls bei Maggie Blanck gefunden habe und die irgendwann vor dem Baubeginn für den FDR Drive im Jahr 1934 entstand und die Lower Eastside sehr schön abbildet, beende ich die Reise nach Little Germany für heute. Demnächst folgt eine Fortsetzung. Ich bin mir nicht ganz sicher, es könnte sein, dass ich die Fotografie früher schon einmal hier gepostet habe. Da sie aber in den Kleindeutschland-Kontext wunderbar hineinpasst, hat sie auf jeden Fall auch eine zweite Erwähnung verdient.


1 Kommentar:

  1. Ein tolles Buch zur Geschichte der Deutschen in New York zwischen 1840 und 1960 ist 2013 im Lehmstedt-Verlag in Leipzig erschienen: Ilona Stölken, Das deutsche New York - eine Spurensuche; 29,90 Euro, mit über 230 Bildern!

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